SELBSTZWEIFEL bei erfahrenen Führungskräften: das Phänomen, das mit der Verantwortung wächst.


 
 
 
 
 

Es gibt diesen einen Moment, kurz bevor eine größere Entscheidung fällt. Die Zahlen liegen auf dem Tisch, die Argumente sind durchgesprochen, und im Grunde weißt du, was zu tun ist. Und ausgerechnet jetzt meldet sich eine leise Stimme und fragt, ob du das wirklich richtig einschätzt, ob du dem hier gewachsen bist. Die meisten rechnen damit, dass diese Stimme mit den Jahren leiser wird, dass Selbstzweifel etwas für den Anfang sind, für die erste Führungsrolle, und sich mit Erfahrung von selbst erledigen.

Im Alltag erlebe ich oft das Gegenteil. Je größer die Verantwortung wird, je sichtbarer die Entscheidungen und je mehr Menschen daran hängen, desto deutlicher meldet sich der Zweifel zurück. Das hat wenig mit deinen Fähigkeiten zu tun. Es hat damit zu tun, dass mehr auf dem Spiel steht. Genau darum geht es hier. Warum erfahrene Führungskräfte oft mehr zweifeln statt weniger, was dieser Zweifel dir eigentlich sagen will und woran du merkst, ob da eine berechtigte Frage spricht oder ein alter innerer Antreiber, den du längst kennst. Am Ende sollst du mit deinem Zweifel umgehen können, ohne dass er deine Entscheidungen ausbremst.

 

Hallo, ich bin Kasia Hübner
Resilienz-Expertin, Systemische Mental Business & Leadership Coach, Unternehmensberaterin


 

Als Spezialistin für resiliente Persönlichkeisentwicklung und wertschätzende Führungskultur zeige ich Dir, wie Du Deine Arbeits- und Lebensqualität im stressigen Businessalltag verbesserst.

 

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#1. Warum Erfahrung die Zweifel nicht beendet 

Das Gefühl hat einen Namen. Die Psychologinnen Pauline Clance und Suzanne Imes beschrieben es 1978 an der Georgia State University zum ersten Mal und nannten es das Hochstapler-Phänomen.

Gemeint sind Menschen, die nach außen erfolgreich sind, jede Beförderung verdient haben und trotzdem das Gefühl mit sich herumschleppen, irgendwann werde jemand merken, dass sie gar nicht so kompetent sind, wie alle denken. Der spannende Punkt an ihrer Arbeit: Sie fanden dieses Gefühl ausgerechnet bei besonders leistungsfähigen Menschen. Wer viel erreicht, ist davon eher betroffen, kaum jemand spricht offen darüber. Eine breit angelegte Übersichtsarbeit von Dena Bravata und ihrem Team, 2020 im Journal of General Internal Medicine erschienen, hat die Forschung dazu zusammengefasst. Das Ergebnis ist deutlich: Diese Selbstzweifel sind weit verbreitet, sie treten häufig zusammen mit Anspannung und gedrückter Stimmung auf, und sie schlagen sich messbar auf Arbeitszufriedenheit und Leistung nieder. Das Gefühl bleibt also keine private Marotte. Es wirkt bis in die Qualität der Arbeit hinein. Und jetzt wird es interessant für erfahrene Führungskräfte. Mit jeder Stufe ändern sich die Fragen, die der Zweifel stellt. Am Anfang einer Laufbahn fragst du dich, ob du eine Aufgabe sauber hinbekommst. Weiter oben fragst du dich, ob du ein ganzes Team in die richtige Richtung führst, ob deine Einschätzung der Marktlage stimmt, ob die Entscheidung, die du heute triffst, in zwei Jahren noch klug aussieht. Die Fragen werden größer. Gleichzeitig sitzen über dir immer weniger Menschen, die gegenprüfen könnten. Du bist diejenige oder derjenige, die gegenprüft. So entsteht ein Eindruck, der sich falsch anfühlt und trotzdem nachvollziehbar ist. Du wirst erfahrener, sicherer im Handwerk, und der Zweifel verschwindet trotzdem nicht. Er hat nur sein Thema gewechselt. Er wandert mit, hoch bis dahin, wo die Verantwortung am größten ist.

 

#2. Was dein Selbstzweifel dir sagen will

Lass uns den Blick einmal umdrehen. Wir behandeln Selbstzweifel meistens wie einen Störenfried, der weg soll. Dabei lohnt sich die Frage, warum er überhaupt da ist und was er eigentlich will. Stell dir die Führungskraft vor, die nie zweifelt. Die jede Entscheidung sofort für richtig hält, kein Bauchgrummeln kennt und sich noch nie gefragt hat, ob sie vielleicht etwas übersehen hat. Würdest du dieser Person gern ein großes Team und ein knappes Budget anvertrauen? Die meisten zögern an dieser Stelle. Denn ein Mensch ohne jeden Zweifel prüft nichts mehr nach. Er hört auf zuzuhören. Genau das wird gefährlich, je mehr Verantwortung jemand hat. Dein Zweifel macht das Gegenteil. Er hält dich wach. Er sorgt dafür, dass du noch einmal nachfragst, bevor du eine Zahl freigibst. Dass du dir die Gegenargumente wirklich anhörst, statt sie wegzuwischen. Dass du eine Entscheidung über Menschen ernst nimmst, weil dir bewusst ist, was sie für die anderen bedeutet. Diese leise Stimme ist oft ein Zeichen dafür, dass du deine Aufgabe ernst nimmst und die Wirkung deiner Entscheidungen spürst. Das ist keine Schwäche. Das ist Gewissenhaftigkeit, die sich nur unangenehm anfühlt. Ich erlebe das im Coaching immer wieder. Da sitzt mir eine Person gegenüber, die seit Jahren einen Bereich verantwortet, fachlich über jeden Zweifel erhaben, und trotzdem fragt sie sich vor jeder größeren Sitzung, ob sie gut genug vorbereitet ist. Wenn wir genauer hinschauen, steckt hinter dieser Frage fast nie Unfähigkeit. Dahinter steckt ein hoher Anspruch und der Wunsch, es für das Team richtig zu machen. Die Stimme meint es also gut. Sie sagt es nur in einem Ton, der sich nach Angriff anhört. Der erste Schritt im Umgang mit Selbstzweifeln ist deshalb kleiner, als viele denken. Du musst die Stimme nicht zum Schweigen bringen. Du darfst sie erst einmal richtig verstehen. Sobald du sie als Hinweis auf deine Sorgfalt liest, verliert sie ihren bedrohlichen Klang und wird zu etwas, mit dem du arbeiten kannst.

 
 
 

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#3. Wenn aus einem Hinweis eine Bremse wird

So hilfreich diese Stimme sein kann, sie hat eine Kehrseite. Ein guter Hinweis prüft einmal nach und lässt dich dann handeln. Ein Zweifel, der kippt, prüft und prüft und kommt nie zu einem Ende. Du erkennst den Unterschied meistens am Tempo. Der gesunde Zweifel stellt eine Frage, du gehst ihr nach, und danach triffst du eine Entscheidung. Der ungesunde Zweifel dreht sich im Kreis. Du hast die Zahlen längst dreimal geprüft und schaust trotzdem ein viertes Mal drauf. Du holst dir Rückmeldung von einer Kollegin, danach von einer zweiten, danach von einer dritten, und keine Antwort reicht aus, um das flaue Gefühl zu beruhigen. Die Entscheidung, die eigentlich gestern hätte fallen können, liegt immer noch auf deinem Schreibtisch. An diesem Punkt schützt dich der Zweifel vor nichts mehr. Er kostet dich Zeit, Energie und einen Teil deiner Wirkung. Teams spüren genau, wenn an der Spitze niemand ins Handeln kommt. Aufgaben bleiben liegen, weil du sie lieber selbst noch einmal kontrollierst, statt sie abzugeben. Du arbeitest länger, prüfst gründlicher und fühlst dich am Ende des Tages trotzdem nicht sicherer. Vielen kommt das bekannt vor, weil es so leise passiert. Es sieht von außen nach Sorgfalt aus, und innen frisst es dich auf. Besonders verzwickt wird es, wenn der Zweifel sich an deinen Anspruch hängt. Wer hohe Maßstäbe an sich legt, findet immer noch eine Stelle, die besser sein könnte.

Dann meldet sich die Stimme nicht mehr vor wichtigen Entscheidungen, sondern dauernd, auch bei Dingen, die längst gut genug sind. Aus einem klugen Begleiter ist ein Aufpasser geworden, dem du es nie recht machst. Die Kunst liegt also nicht darin, den Zweifel abzuschalten. Sie liegt darin, die zwei Stimmen auseinanderzuhalten. Die eine bringt dich weiter. Die andere hält dich fest. Und genau darum geht es im nächsten Kapitel, dem Herzstück dieses Artikels.

 

#4. Echter Zweifel oder alter Antreiber? 

Hier kommen wir zum Kern. Wenn du lernst, diese beiden Stimmen auseinanderzuhalten, hast du das Wichtigste verstanden. Die eine Stimme spricht über die Sache. Sie zeigt auf eine konkrete Lücke. Ein Risiko, das du noch nicht durchdacht hast. Eine Zahl, die nicht zusammenpasst. Eine Person im Team, deren Reaktion du noch nicht kennst. Diese Stimme lässt sich beruhigen. Du gehst der Frage nach, du findest eine Antwort, und danach ist die Sache erledigt. Der Zweifel hat seine Aufgabe getan und macht Platz. Die andere Stimme spricht über dich. Sie sagt nicht „diese eine Zahl stimmt vielleicht nicht“, sondern „du kannst das nicht“. Sie zielt auf deinen Wert als Mensch, und sie wird von keiner noch so guten Vorbereitung satt. Du kannst alles dreimal prüfen, sie meldet sich trotzdem. Diese Stimme ist oft uralt. Wir nennen sie in der Arbeit mit Menschen die inneren Antreiber, Sätze wie „Sei perfekt“, „Mach es allen recht“ oder „Sei immer stark“, die wir früh gelernt haben und die uns bis heute durch den Arbeitstag begleiten. Sie haben dich oft weit gebracht. Und sie melden sich ausgerechnet dann am lautesten, wenn die Verantwortung am größten ist. Wie hältst du die beiden im Alltag auseinander? Drei Fragen helfen dir dabei. Die erste: Geht es hier gerade um die Sache oder um mich? Wenn du auf einen konkreten Punkt zeigen kannst, der wirklich offen ist, spricht der echte Zweifel. Wenn du nur ein diffuses „ich genüge nicht“ findest, spricht der Antreiber. Die zweite: Gibt es eine Antwort, die diesen Zweifel beenden würde? Beim echten Zweifel kannst du sie benennen. Du brauchst eine Information, ein Gespräch, eine Zahl, dann ist Ruhe. Beim Antreiber fällt dir keine Antwort ein, die je ausreichen würde. Das ist das verräterische Zeichen. Die dritte: Kenne ich diesen Ton schon länger? Der echte Zweifel ist neu und gehört zu dieser einen Situation. Der Antreiber klingt vertraut. Du hörst ihn vor jeder Prüfung deines Lebens, in jeder neuen Rolle, bei jedem größeren Schritt. Wenn dir die Stimme bekannt vorkommt, hast du es mit einem alten Begleiter zu tun, kaum mit der Lage von heute. Wenn du magst, geh diesen Antreibern einmal in Ruhe nach. Ich habe dazu einen eigenen Artikel geschrieben, in dem du sie erkennen und neu ausrichten kannst (Innere Antreiber). Für den Moment reicht eine einfache Übung. Wenn der Zweifel das nächste Mal anklopft, halte kurz inne und frag dich nur das eine: Spricht hier die Sache oder ein alter Satz über mich? Diese eine Sekunde verändert oft schon, wie du im nächsten Moment entscheidest.

 

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#5. Im Führungsalltag damit arbeiten 

Schön und gut, denkst du jetzt vielleicht, aber wie sieht das an einem normalen Dienstag aus, zwischen vollem Kalender und drei offenen Entscheidungen? Hier wird es handfest. Fang damit an, dem Zweifel einen festen Platz zu geben. Wenn du eine größere Entscheidung vor dir hast, nimm dir bewusst einen Moment, in dem du der kritischen Stimme zuhörst. Was übersehe ich, was könnte schiefgehen, wen habe ich noch nicht gefragt. Du schreibst das auf, du gehst den echten Punkten nach, und dann erklärst du diese Runde für beendet. So bekommt der Zweifel seinen Auftritt und besetzt danach nicht mehr den ganzen Tag. Leg vorher fest, was gut genug ist. Wer hohe Ansprüche hat, verschiebt diese Grenze sonst immer weiter nach oben und wird nie fertig. Bevor du anfängst, entscheidest du einmal bewusst, welches Ergebnis für diese Aufgabe ausreicht. Eine Präsentation für das wöchentliche Team-Meeting braucht ein anderes Maß als der Auftritt vor dem Vorstand. Sobald du dieses Maß erreicht hast, gibst du ab. Diese eine Gewohnheit nimmt dem Antreiber einen großen Teil seiner Macht. Sprich darüber, mit einem Menschen, dem du vertraust. Selbstzweifel werden vor allem deshalb so groß, weil wir sie für uns behalten und annehmen, alle anderen hätten diese Stimme nicht. Sobald du sie aussprichst, schrumpft sie auf ein normales Maß. Du musst das nicht im großen Kreis tun. Eine Person reicht, eine Kollegin auf Augenhöhe, ein Mentor, jemand im Coaching. Oft hörst du dann, dass es der anderen Seite genauso geht, und allein das entlastet. Und achte auf deine Energie. Der Zweifel wird immer dann am lautesten, wenn du müde und ausgelaugt bist. An einem Tag mit genug Schlaf und einer echten Pause klingt dieselbe Frage halb so bedrohlich wie nach drei durchgetakteten Wochen. Regeneration ist deshalb keine nette Nebensache für gute Laune. Sie ist die Grundlage dafür, dass du Entscheidungen mit einem klaren Kopf triffst. Wenn diese Zweifel bei dir eine sehr vertraute Form angenommen haben und immer wiederkehren, lohnt sich ein tieferer Blick. Ich habe das Hochstapler-Gefühl in der Führung ausführlich beschrieben, samt Wegen, dich daraus zu lösen (Imposter Syndrom in der Führung). Für den Alltag gilt: Du brauchst keine dieser Übungen in Perfektion. Es reicht, eine davon auszuprobieren und zu schauen, was sich verändert.

 

#6. Worauf es am Ende ankommt

Vielleicht hast du beim Lesen gehofft, ich hätte einen Weg, wie diese Stimme endgültig verstummt. Den habe ich nicht, und ehrlich gesagt würde ich ihn dir auch nicht wünschen. Eine Führungskraft, die gar nicht mehr zweifelt, hat aufgehört hinzuhören. Der Zweifel gehört zu einer Verantwortung, die du ernst nimmst, und er begleitet erfahrene Führung dauerhaft. Was sich ändern kann, ist dein Verhältnis zu ihm. Du musst die leise Frage vor der nächsten Entscheidung nicht mehr als Beweis lesen, dass mit dir etwas nicht stimmt. Du kannst sie als das nehmen, was sie meistens ist, ein Zeichen dafür, dass dir die Sache und die Menschen wichtig sind. Du prüfst, was zu prüfen ist. Du unterscheidest die Stimme der Sache vom alten Antreiber. Und dann entscheidest du, auch wenn ein Rest Unsicherheit bleibt. Genau darin zeigt sich Reife in der Führung. In einem ruhigen, geübten Umgang mit dem Zweifel. Du wirst nicht zweifelsfrei. Du wirst freier im Umgang mit deinem Zweifel. Und das verändert mehr, als du im ersten Moment denkst.

 

Quellen

  • Clance, P. R. & Imes, S. A. (1978): The Imposter Phenomenon in High Achieving Women. Georgia State University. 
  • Bravata, D. M. et al. (2020): Prevalence, Predictors, and Treatment of Impostor Syndrome. Journal of General Internal Medicine.
    
 

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Wenn ich beispielsweise von KUNDEN, KLIENTEN oder MITARBEITERN spreche, sind damit MENSCHEN aller GESCHLECHTER und IDENTITÄTEN gemeint.


 
 
 

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